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"Configura 2 - Dialog der Kulturen" 1. Unsere
Welt wird von Kuenstler geschaffen. (Kahnweiler) 2. Welche Rolle kann oder koennte Kunst in dieser bedrohlichen globalen Situation spielen? Hat sie in barbarischen Konfliktsituationen ueberhaupt noch einen Freiraum? Ist sie vor allem Kommunikationsmittel innerhalb eines Kulturkreises oder kann und soll sie ueber die Grenzen dieser Kreise hinausgreifen? Sind dann aber aesthetische Signale ueberhaupt uebersetzbahr, koennen sie also aus einer anderen kulturellen Mitte heraus "gelesen" werden? Wie maechtig und wie sinnvoll ist die westliche Kultur noch, nachdem sie jahrhundertelang versucht hat, die Welt zu missionieren? Welche Rolle spielt das westliche Wertesystem in anderen Kulturkreisen? Wie "immun" ist die eigene kulturelle Identitaet? Gibt es eine "Weltsprache" der Kunst? Peter Moeller, Detlef Pilz
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"Unsere Welt
ist von den Kuenstler geschaffen." - Das ist wahrscheinlich nur ein schoener
Traum. Sicherlich, aber wo existiert diese Kunstwelt? Existiert sie im
Museum, in der Seifenoper oder im Computerspiel? Ich weiss nicht, was fuer eine Wirkung die Kunstheutzutage noch hat. Was gegenueber dem Rassenkampf und den Ozonloch leisten? "CONFIGURA 2" sagt, dass das Motiv der Ausstellung der "Kulturaustausch waere. Aber kann die Kultur wirklich ausgetauscht werden? Was ist ueberhaupt Kultur? Die Kuenstler die aus jeder Ecke der Welt sich in dem fremden Ort Erfurt versammlen, werden dort einige komische Fragen diskutieren. Ein solches im Elfenbeinturm stattfindendes Spiel ist fuer die Fluechtlinge in Ruanda bloss ein Witz. In vielen Situationen ist die Kunst nichts anderes als Alkohol und Zigaretten. Sie ist bloss ein kleiner Luxusartikel. Sie bringt vielleicht den Menschen ein Bisschen aesthetisches Empfinden. Aber ohne Sie kann man auch weiter in Ruhe leben. In dieser Beziehung bin auch ich der Meinung, dass die Kunst ein Spiel ist. Ich wuensche mir, dass meine Werke eine Art von einem Spiel sind. Es sollte ein lebhaftes Bild sein. Es sollte Trubel geben. Viele Gesichter und Geschichten sollten einem bekannt vorkommen. Es sollte kein festen Ergebnisse geben. Alles laeuft in einem Kreis ¡ Feng Mengbo 29. 1. 95 |
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CONFIGURA
2 - Exhibition Office Lieber Kuenstler DON QUICHOTTE: Ich will Dir ein kleines Geheimnis mitteilen: In dem Moment, als Du mit dem langen Speer das Ungeheuer gestochen hast, hast Du auch mein Herz erobert. Mit Deiner Hilfe habe ich anscheinend begriffen - es geht nicht um die Windmuehle. Es geht um den Zweifel der kuenstlerischen Fragen. Es klinkt vielleicht laecherlich. Im Moment bin ich gerade kummervoll wegen meiner beiden "konventionellen" Augen. In meinem Herzen bist Du der einzige schoene Mann, der in der modernen Gesellschaft uebrig bleibt. Deine magere und schwache Figur zeigt gerade Deine Ungewoehnlichkeit. In diesem internationalen Kulturkrieg verlierst Du Deine Ruhe nicht und bleibt kuehl berechnend. Deine Legende kann jeden mutigen Menschen ueberzeugen. In der Zeitung steht, dass Du absichtlich Deine Ernaehrung und Dein Gewicht kontrollierst. Das hat mich beruhigt. Uebrigens gefaellt mir Dein Foto mit der weissen Jacht sehr gut. Es is wunderschoen. (Entschuldigung! Ich habe es aus der Zeitung ausgeschnitten und habe es direkt neben mein Kopfkissen gelegt, damit es mich zum Einschlafen begleitet.) Ein chinesisches
Maedchen, das Dich liebt. |
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Articles
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Politik, Dollar, Wiedergutmachung und Ruhm Zwischen dem Zeitpunkt, an dem in China jemand beschlie?t, da? sein Kunstwerk fertig ist, und dem Moment, in dem das Kunstwerk im Westen von einem Ausstellungsbesucher betrachtet wird, vollzieht sich ein vielseitiger and facettenreicher Proze?, der in den letzten Jahren nicht selten zur Folge hat, da? das Kunstwerk auf dem Kunstmarkt landet. Wann ist
ein Kunstwerk fertig? Das ist nur vom K¨¹nstler selbst zu beurteilen. Vielleicht
dr?ngte die Zeit, vielleicht hatte er genug davon und began - vorl?ufig,
wer wei? das? - etwas anderes, vielleicht f¨¹rchtete er, das jede Ver?nderung
dem Ergebnis nur Abbruch tun k?nnte. Wann wird eine Ausstellung er?ffnet?
Ein Jahr nachdem man mit anf?nglich schwankender, dann mit wechselender
Sicherheit und schlie?lich aus gewachsener Solidarit?t das Unternehmen
zu einem durchschlagender Erfolg erkl?rt hat. Wenn diese beide Parteien,
K¨¹nstler und Ausstellungsmacher, gelungen ist, ist das Kunstwerk, manchmal
auch der K¨¹nstler, reif f¨¹r den Kunstmarkt. Und dieser Kunstmarkt befindet
sich, weil es sich um asiatische Kunst handelt, in Hongkong. Auch auf
andere Weise landen chinesiche Kunstwerke, an denen von ausl?ndischen,
insbesondere von westlichen, Kunstinstituten Interesse gezeigt worden
ist, fr¨¹her oder sp?ter auf dem kunstmarkt von Hongkong. Den gl¨¹cklichen
K¨¹nstlern wird Hals ¨¹ber Kopf ein Vertrag angeboten, und auserkorenene
Kunstwerke erweisen sich pl?tzlich als aufgekauft oder bleiben nach einer
erfolgreichen europ?ischen Tournee auf dem R¨¹ckweg in Hongkong 'h?ngen'.
Das sind Handelspraktiken, die zweifellos im westlichen Kunsthandel vorkommen,
die aber meistens nicht unter dem Nenner "Kulturaustausch" gef¨¹hrt werden. Das Interesse
an der realistischen Kunst und die Entdeckung derselben bedeutete f¨¹r
K¨¹nstler in Japan und China Anfang dieses Jahrhunderts einen bewu?ten
Widerstand gegen die eigene Tradition, genau wie die gleicher Zeit in
Europa von K¨¹nstlern, die sich gerade vonm Realismus l?sten. Es ist daher
kein Wunder, da? auch neuere moderne Kunst aus China nicht sofort in das
neueste Kapitel von "Die Geschichte der Modernen Kunst", n?mlich die Global-Village-Theorie,
pa?t. In der Praxis w?hlen Besucher jedoch, trotz dieses ganzen theoretischen
Kauderwelschs, einfach, was spannend oder sch?n ist. Und diese Wahl ist
gl¨¹cklicherweise genauso onvorhersehbar wie abh?ngig davon, was angeboten
wird. Alles in allem ist es verst?ndlich, da? dies f¨¹r Hongkongs H?ndler,
Investoren und Spekulanten eine Marktsituation ergibt, die wenig konkrete
Auskunft und Erwartungen liefert. Geschichte
zu schreiben, ist in asiatische L?ndern l?nger als in westlichen eine
Staatsangelegenheit geblieben, und die Bestimmung des kulturellen Gesichtes
einer Nation geh?rt zu den empfindlichsten und wichtigsten Anhelegenheiten.
Objektivit?t oder Spontanit?t gelten, wenn es um diese Art von Aufgaben
geht, als Zeichen weitgehender Unf?higkeit. Dies r?cht sich, wenn ¨¹ber
moderne Kunst geschrieben werden mu?; Kunst, die sich einen Scherz mit
der Tradition erlaubt und sich per Definition von Gott und Gebot gel?st
hat: Daf¨¹r erw?rmt sich kein einziges Kulturministerium im Osten. Hans van Dijk 1995 |
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DER DUCHAMP-KOMPLEX Eine kleine Studie der Seelenlage chinesischer Kuenstler Im Peking
der letzten Jahre hat der Kapitalismus Einzug gehalten. Das Geld scheint
an jeder Strassenecke zu liegen; viele Leute werden reich, ohne dass die,
die arm bleiben, mitverfolgen konnten, wie es geschah. Ungeachtet dessen
hoffen sie aber, dass ihnen das gleiche geschieht. Die Methoden reich
zu werden sind vielfaeltig und oft radikal, und auf denen, die arm bleiben,
scheint ein Schleier der Hoffnungslosigkeit zu liegen. Sie tragen die
Vergangenheit in die Gegenwart hinein, die Vergangenheit, als in China
noch kaum jemand Geld hatte und andere Dinge das Leben bestimmten: Politik,
Macht, Ideologie und Ideale. Die Gegenwart hingegen wird vom Geld bestimmt,
und waehrend Prestige noch an den alten Massstaeben gemessen wird, verlieren
diese zusehends ihre Praezision, werden relativiert durch den neuen Massstab
Geld. Die Messlatten passen nicht mehr zusammen, sie steigen und sinken
und werden in ihrer Wertung unscharf. Der Modernismus ueberschwemmt das
Land, die konfuzianische Tradition steigt wieder hoch, und in all dem
strudeln die wechselnden Ideale der letzten Jahrzehnte. Juliane Noth 1995
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Gesicherte Schrift als Medium der Kunst Seit alters her spielt die chinesische Schrift in der chinesischen Gesellschaft eine unvergleichlich wichtige Rolle. Sie dient als Instrument, mit der die Obrigkeit ihre Macht ausueben kann, liefert aufgrund ihrer jahrtausende alten Geschichte genau dieser Obrigkeit eine historische Legitimation und verkoepert nicht nur den wichtigsten Traeger kulturellen Erbes sondern auch ein zeitgenoessisches kuenstlerisches Medium. Verglichen mit anderen Schriften hat sich die drei- bis viertausend Jahre alte chinesische Schrift nur wenig veraendert. Aegyptisch, Altsumerisch und andere vergleichbare fruehe Systeme haben sich alle weiterentwickelt oder sind in phonetischen Schreibweisen aufgegangen. Im heutigen Chinesisch jedoch hat sich eine Vielzahl symbolischer und bildlicher Schriftzeichen und Bestandteile von Schriftzeichen unveraendert erhalten und die Grundlage der Sprache hat sich nicht wesentlich veraendert; eine nicht phonetische Schrift, die in Gebieten funktioniert, in denen die gesprochene Sprache grosse unterschieden aufweist, und die einem Oberschueler sofort einen Zugang zu dreitausend Jahre alten Texten vermittelt. Die Bedeutung eines eindeutigen Schriftsystems sowohl fuer die effiziente Verwaltung als auch fuer die Uebertragung klassischer Schriften hat seit der Vereinigung des Reiches ca. 200 v. Chr. die einander abwechselden oder aufeinander folgenden Obrigkeiten beschaeftigt. Die Vereinheitlichung, Korrektur und Systematisierung der Staendig wachsenden Schriftzeichenmenge war seit dem ersten Kaiser bis hin zu Mao Zedong eine Staatsaufgabe. Aufgrund verschiedener Ursachen drohte die Anzahl der Schriftzeichen staendig zu einer unkontrollierbar grossen Sammlung anzuwachsen, bei der Synonyme, Neubildungen und Verschreibungen zum Chaos fuehrten. Die erste Indexierung um 200 v. Chr. Ergab rund 3000 Zeichen. Innerhalb von fuenfhundert Jahren hatte sich die Zahl verdreifacht und weitere fuenfhundert Jahre spaeter wurde als historischer Rekkord eine Liste mit 53000 notiert. Einer der Ursachen fuer dieses staendige Anwachsen waren die lokalen Sprach- und Umgebungsunterschiede in diesem Riesenreich. Das Negieren und Eindaemmen solcher Einfluesse auf die Schrift war eine Notwendigkeit fuer den Erhalt eines zentralisch verwalteten Reiches von einer solchen Groesse. Auch fuer die heutige Fuehrung in Peking spielt diese Problematik eine Rolle; Anfang der neunziger Jahre musste die Regierung zu ihrem Entsetzen feststellen, dass in der suedlichen Provinz Guandong, die aufgrund ihrer wirtschaftlich liberalisierten Zone Shenzhen eine immer staerkere Verflechtung mit Hongkong eingeht, in Grund- und Oberschulen in Kantonesisch statt in Mandarin unterrichtet wurde. Andere Ursachen, die zum Anwachsen der Zahl der Schriftzeichen fuehrten, waren die Notwendigkeit zur Erneuerung und Anpassung der Schrift im Laufe der Zeit, die Einfuehrung neuer Schreibtechniken wie der des Pinsels bis hin zu Verschreiben und Fehlern schlecht ausgebildeter Beamter und zu von ingenioesen Schreibern eingefuehrten Neuschoepfungen, die alle eine Bedrohung der Adaequatheit der Schrift darstellten. Von katastrophalem Einfluss auf die Uebertragung der urspruenglich gestochen oder gravierten Schriftzeichen war die Einfuehrung des Pinsels; katastrophal deswegen, weil die ursprungliche bedeutungstragende Form verlorenging, weil es nicht moeglich war, diese mit einem Pinsel zu reproduzieren. Die Folge war, dass aehnliche Alternativen mit unterschiedlicher Strichstaerke und einer bunten Vielfalt an Punktformen eingefuehrt wurden. Gleichzeitig ermoeglichte die Benutzung des Pinsels solche Neuschoepfungen und eine schnellere Reproduktion und Vebreitung. Diese gruendliche und anhaltende Beschaeftigung der Obrigkeit von den ersten Indizes bis zur Einfuehrung einer radikalen Schriftvereinfachung Initiative von Mao Zedong hat die Sprache einerseits zu einem Symbol der Staatsmacht und bietet anderseits dieser die Moeglichkeit, sich als Fortfuehrer einer Jahrhunderte alten Kulturtradition zu legitimieren. In der bildende Kunst spielt seit altersher die Kalligraphie eine Rolle, die den traditionellen Kulturaspekt der Schrift repraesentiert, waehrend in der zeitgenoessischen Kunst die Schrift und die Schrifttraeger wie Buecher, Formulare usw. haeufig auch als Symbol der Behoerde oder Staatsmacht gelten. Historisch galt die Kalligraphie als eine Kunstform, die aufgrund ihrer abstrakten Qualitaeten der Malerei ueberlegen war. Sie bindet die Kuenstler, die sich ihr widmen, in eine Jahrtausende umfassende Tradition ein, und bietet ausserdem ein sehr direktes, individuelles Ausdruckmittel. Damit sind jedoch auch beschraenkungen des Mediums festgelegt: Es ist dem Kalligraphen nicht moeglich, die durch nationale Tradition und Schrift gebildeten Grenzen zu ueberschreiten. In diesem Sinne weist die Ausuebung der Kalligraphie Paralellen zur Auffuehrung westlicher klassischer Musik auf; Inhalt und Medium sind vorgegeben und der Kuenstler manifestiert sich ueber seine persoenliche Interpretation einer allen bekannten Melodie. Mit der Entstehung der modernen Kunst treten in China erstmals diese nicht ausschliesslich kulturellen Aspekte der Schrift in Erscheinung. Eine kleine Auswahl von Kunstwerken und Kuenstler der letzten zehn Jahre zeigt, dass jede der drei oben genannten Facetten der Schrift, Symbol fuer Staatsmacht, fuer Kulturtradition und individuelles Ausdrucksmittel, in der heutigen Gesellschaft eine Rolle spielen. Anfang der achtziger Jahre erregt der Hangzhouer Kuenstler Gu Wenda Aufsehen mit Landschafts- und Figurmalereien - anfangs in traditioneller Tuschetechnik, spaeter auch in Oelfarbe -, die er mit grossformatigen Schriftzeichen uebermalte. Die Schriftzeichen waren teils Begriffe aus der traditionellen Kunsttheorie und teils Begriffe aus dem Alltagsleben und hatten immer einen direkten Bezug zur Darstellung. Gleichzeitig begann er mit der Veraenderung der Bedeutung zu experimentieren, indem er den normalen Abstand zwischen den Schriftzeichenteilen vergroesserte, Schriftzeichen umgekehrt oder spiegelbildlich verwendete oder neue Schriftzeichen aus Teilen von bestehende Schriftzeichen entwickelte. Darstellung und Schrift erhielten auf diese Weise eine konkurrierende Funktion. Gemeinsam stellten die Gemaelde einerseits einen distanzierten Kommentar zur Jahrhunderten alten Literatenmalerei dar, und andererseits waren sie aufgrund des stark konzeptuellen Charakters der Arbeiten eine Weiterfuehrung dieser Malerei. Ebenfalls in Hangzhou schlossen sich 1986 und 1987 eine Anzahl Kuenstler unter dem Namen "79% Rot, 25% Schwarz, 5% Weiss" zusammen. Die Installationen, die sie unter diesem Namen machten, bestanden aus grossformatigen Schriftzeichen in den genannten Farben und stellten Begriffe und Saetzen dar, die von den Slogans der Kulturrevolution inspiriert waren. Die beide originellsten Kuenstler der Gruppe, Ni Haifeng und Wu Shanzhuan, haben sich seither in diametral entgegengesetzter Richtung entwickelt, ohne jedoch das Medium Schrift und Text zu verlassen. Ni Haifeng ist einer der wenigen, der mit einer Reihe von In- und Exterieurs, die er in kalligraphischem Stil bearbeitet, Kunstwerke geschaffen hat, die als geglueckte Nachfolger einer freien, expressiven Kalligraphie gelten koennen. Die Sprachgrenzen der Tradition hat er ueberschritten; es sind nicht mehr die chinesischen Schriftzeichen, sondern Zeichen, die verschiedene Sprachen und der eigenen Phantasie entstammen; die dargebotene Welt ist nicht laenger mehr die national-kulturelle, sondern die von Ni Haifeng. Ein Beispiel fuer eine Variante des hermetischen Charakters der chinesischen Schrift hat der urspruenglich aus Chongqing stammende Xu Bing 1988 geschaffen. "Spiegel der Analyse der Welt" ist ein vierbaendiges, traditionell gebundenes und gestaltetes Buch. Das im Blockdruckkunst hergestellte Werk enthaelt dreitausend selbst entworfene "chinesische" Schriftzeichen und ist daher unlesbar. Gestaltung und Formgebung errinern sofort an Enzyklopaedien wie sie seit Begin der Blockdruckkunst, etwa im 8. Jahrhundert, enstanden. In einer juengeren Arbeit von Xu Bing sind eine Sau und ein Eber mit chinesischen Schriftzeichen und quasi lateinischen Texten uebermalt. Das bruenstige Paar wird aufeinander losgelassen und spielt sein Stueck der Kulturaustauschs. Seit Jahr und Tag arbeitet der Kuenstler Hong Hao aus Peking an den Blaetter seiner "Selected Scriptures". Seine Sprache seine Sprache besteht sowohl aus chinesichen Schriftzeichen, westliche Buchstaben, Siegeln, Stempeln, Symbolen aus dem Yi Jing, Yinyang-Theorie asl auch aus Firmenlogos, Familienwappen und Legenden, wie sie in Landkarten verwendet werden. Die Fuehrer fuer die neue Weltordnung bietet eine Alternative zu unserem ueberholten Wissen: Wohin kann mich sich wenden, wenn man etwas wissen will ueber Bewerbungsmethoden arbeitsloser Rotgardisten, den Untergang des Abendlandes oder das Revolutionskomittee von Holywood? Hong hao ist nicht der einzige, der von dem Phaenomen Buch fasziniert ist. Geng Jianyi aus Hangzhou rechnete damit ab, indem er in 1991 zwanzig Exemplare drucken liess, in denen Texten und Abbildungen einige Male uebereinander gedruckt waren. Li Hongjun schnitt sorgfaeltig alle Schriftzeichen aus seinem Buch mit dem Titel "Die Rote Spinne, Nr. 10" aus und Huang Yongping verarbeitet seit Jahren Buecher zur Papierbrei, nicht nur chinesischsprachige, sondern alle moeglichen Ausgaben, die ueber Kunst erscheinen. In den meistren der oben aufgefuehrten Beispiele dient die Schrift als Symbol sowohl der Autoritaet (Kunsttheorie bei Gu Wenda und Huang Yongping, Wissenschaft bei Hong Hao und Xu Bing, Verwaltung bei Geng Jianyi) als auch der (nationalen) Kultur, auf die in unterschiedlichen Weise - von der Persiflage ueber die Veranderung bis zur Zerstoerung - reagiert wird. Bei einer Reihe der Nachfolgend aufgefuehrten Arbeiten dienen Schrift, Sprache und gewaehlte Praesentationsform - Formular, Brief, Reglement usw. - selbst als Medium des Kunstwerks. Wu Shanzhuan, ehemaliges Mitglied der bereits genannten Kuenstlergruppe "705 Rot, 25% Schwarz, 5% Weiss" konzentriert sich einerseits auf offizielle und formelle Formen, in denen Sprache benutzt wird wie Vertraege, Formulare, Stempel und Begriffslisten, und anderseits auf die logische Konstruktion neuer Zeichen, wobei Methoden angewendet werden, die mit denen der Entstehung der chinesischen Schrift vergleichbar sind; die Darstellungen von Zustaenden, die fuer ihn wesentlich sind, werden zu Symbolen stilisiert, die anschliessend mit einander kombiniert wieder neue, originelle Schriftzeichen ergeben. Die Sprache als Ganzes, deren Bestandteile in verschiedenen Praesentationsformen seine Arbeiten bilden, ist ein Idiom, das als Wu Shanzhuans wechselnde Lebensraeume widerspiegelt: Borrow Wu borrowed the behaviour of a shrimp-seller for one day, when Wu's performance was on at National Gallery of PR. China. Culture Wu uses all cultures surrounding him. This works. Identity Wu's identity as an artist is Wu Shan Zhuan, Chinese, height: 1.74, male, 59 kg, born Oct., 25th 1960, student of HFBK Hamburg Mit Dank an den Kuenstler, entnommen einer Liste mit circa 120 Stichwoerter mit dem Titel: TOURIST INFORMATION, Alphabetical Aphorisms, Wu Shanzhuan, 1993. Liu Anpings "Legale Rechtsverletzung - 100 Briefe an die Massen" verwendet eine in der VR China uebliche "Hausordnung", die seiner Aktion fuer die ungefragt fotografierten Bewohner einen legalen und fuer die Betrachter des Kunstwerks einen erklaehrenden Rahmen bietet. In frueheren Arbeiten, meistens Fotos, die einen Bericht ueber eine Kunstaktion darstellten, wurde die Arbeit mit einem handschriftlichen Titel, Datierung, Ortsangabe und Unterschrift abgegrundet. 1988 schickte Geng Jianyi einen Fragenbogen mit allgemeinen und sehr persoenlichen Fragen an Kuenstler, die sich fuer ein Auswahltreffen angemeldet hatten, bei dem man seine Arbeit fuer eine geplante Ausstellung zeigen konnte. Da den Kuenstler der tatsaechliche Absender unbekannt war, fuellten viele das Formular aus und sahen es bei dem besagten Treffen wieder, als Geng Jianyi seinen Beitrag zeigte. (Geng Jianyis Arbeit wurde nicht fuer die Ausstellung ausgewaehlt.) Juengere Arbeiten von Geng Jianyi bestehen aus einem Fragenbogen Neuvermaehlte, Schulderkenntnissen, ausgestellt von Bekannten, denen er etwas geliehen hatte, schriftlichen Beweisen und Fotobeweisen fuer die Existenz von Personen und einer schriftlichen Selbstkritik, gerichtet an einen Kuenstlerkollegen, den er einige Jahre lang zu unrecht der Unterschlagung verdaechtigt hatte. Hans van Dijk 1995 |
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